Unsere Bewegungen – gehen, greifen, Gliedmaßen bedienen – sind zielgerichtet. Sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Materie, der Erde. Beim Aufrichten haben wir uns etwas von ihr entfernt, aber nur, um besser nach den Früchten greifen zu können und einen besseren Überblick zu haben, weil wir nach Freund oder Feind schauten. Die Erde zieht uns noch immer an; wir werden im Alter buckelig, und der Rücken tut uns öfter weh. Beim Tanzen versuchen wir, die Erdhaftung zu überwinden – kein Fliegen, sondern ein Spielen mit ihr, ein Versuch, einen Kontrapunkt zur Anziehungskraft zu finden, mit ihr in Dialog zu treten. Was unterscheidet Tänzer von anderen Menschen, die sich einfach so bewegen? Letztere haben meist nur die Absicht, bestimmte Ziele in einem bestimmten Raum in einer bestimmten Zeit zu erreichen. Der Tänzer hat kein bestimmtes Ziel im Auge; seine Bewegung ist Selbstzweck. Er macht sich zum Karussell, dreht sich, verbündet sich mit der Fliehkra...
„Azzurro il pomeriggio è troppo azzurro e lungo per me“, schmettert Adriano Celentano aus der Musikbox. „Non ho l'età, non ho l'età per amarti“, haucht Cigliola Cinquetti. Wir sind in den 70ern, im Albergo Ponte Tegorzo in Fener, einem Ort im Veneto. Die Box spielt einen Schlager nach dem anderen. Es geht immer um amore, cuore - mal mit mehr, mal mit weniger Schmalz. Wenn abends die Hitze nachließ, ließen Einheimische und Sommergäste gern den Tag auf der Terrasse des Tegorzo ausklingen. In Fener durfte getanzt werden – ganz im Gegensatz zum Nachbarort, wo wir unseren Urlaub verbrachten und der Pfarrer das Sagen hatte. „Susanna, balli? Barbara, balli?" Meine älteren Schwestern wurden unermüdlich zum Tanzen aufgefordert, mit einem „permesso?" an die Adresse der Eltern. Tanzen? Kaum waren die Paare auf der Tanzfläche, verschmolzen ihre Körper fast miteinander. Die Arme deuteten klassische Tanzhaltung an: Der Herr umfasste die Taille der Dame, deren Arm ruhte lässig...