Nichts – außer einem hartnäckigen Mythos, demzufolge er in den Bordellen von Buenos Aires entstanden sei. Die Wahrheit ist komplexer und weit interessanter. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts formte sich in den ärmeren Vierteln von Buenos Aires jener gesellschaftliche Tanz, den wir heute als Tango kennen. Im Hafenviertel La Boca trafen Gauchos aus den weiten Pampas auf Einwanderer aus Europa und auf Menschen afrikanischer Herkunft. Aus afrikanischen Rhythmen, kreolischen Bewegungen und gemeinsamen Erfahrungen der Entwurzelung entstand ein Tanz voller Leidenschaft, Melancholie und Stolz – geboren in Hinterhöfen, Mietskasernen und einfachen Tanzlokalen eines städtischen Milieus, in dem es zwar auch Bordelle gab, die jedoch nicht seinen Ursprung bildeten. Der starke Männerüberschuss jener Zeit führte zu einem spürbaren Mangel an Frauen. Wer ihre Nähe suchte, konnte entweder tanzen – oder bezahlen. Vor den Bordellen bildeten sich Warteschlangen. Um die wartenden Männer ...
Unsere Bewegungen – gehen, greifen, Gliedmaßen bedienen – sind zielgerichtet. Sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Materie, der Erde. Beim Aufrichten haben wir uns etwas von ihr entfernt, aber nur, um besser nach den Früchten greifen zu können und einen besseren Überblick zu haben, weil wir nach Freund oder Feind schauten. Die Erde zieht uns noch immer an; wir werden im Alter buckelig, und der Rücken tut uns öfter weh. Beim Tanzen versuchen wir, die Erdhaftung zu überwinden – kein Fliegen, sondern ein Spielen mit ihr, ein Versuch, einen Kontrapunkt zur Anziehungskraft zu finden, mit ihr in Dialog zu treten. Was unterscheidet Tänzer von anderen Menschen, die sich einfach so bewegen? Letztere haben meist nur die Absicht, bestimmte Ziele in einem bestimmten Raum in einer bestimmten Zeit zu erreichen. Der Tänzer hat kein bestimmtes Ziel im Auge; seine Bewegung ist Selbstzweck. Er macht sich zum Karussell, dreht sich, verbündet sich mit der Fliehkra...