Unsere Bewegungen – gehen, greifen, Gliedmaßen bedienen – sind zielgerichtet. Sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Materie, der Erde. Beim Aufrichten haben wir uns etwas von ihr entfernt, aber nur, um besser nach den Früchten greifen zu können und einen besseren Überblick zu haben, weil wir nach Freund oder Feind schauten.
Die Erde zieht uns noch immer an; wir werden im Alter buckelig, und der Rücken tut uns öfter weh.
Beim Tanzen versuchen wir, die Erdhaftung zu überwinden – kein Fliegen, sondern ein Spielen mit ihr, ein Versuch, einen Kontrapunkt zur Anziehungskraft zu finden, mit ihr in Dialog zu treten.
Was unterscheidet Tänzer von anderen Menschen, die sich einfach so bewegen? Letztere haben meist nur die Absicht, bestimmte Ziele in einem bestimmten Raum in einer bestimmten Zeit zu erreichen. Der Tänzer hat kein bestimmtes Ziel im Auge; seine Bewegung ist Selbstzweck. Er macht sich zum Karussell, dreht sich, verbündet sich mit der Fliehkraft oder setzt ihr etwas entgegen. Der Körper wird beim Tanzen kurzfristig von seinen üblichen Aufgaben, die der Lebenserhaltung dienen, entbunden und verschmilzt mit der Musik.
Schauen wir den Tänzern zu:
Das Tangopaar schreitet zielstrebig und kontinuierlich in bestimmte Richtungen. Diese Bewegung wird von einer unsichtbaren Bewegung in die andere Richtung „gebremst“. Es ist fast so, als würden die Körper in einem anderen Element, etwa im Wasser, dahingleiten. Den Gegenpol zu diesem fließenden Gleiten bildet der abrupte Tempowechsel der Schritte, die mal schleichend, mal staccato unterwegs sind – begleitet von ruckartigen Kopfbewegungen.
Ganz anders sieht es bei Wiener-Walzer-Tänzern aus. Sie wirbeln über das Parkett, als befänden sie sich auf den Wellen des Meeres: Hin und her, sanft auf und ab, ein ständiges Drehen und Pendeln. Mal überlässt der Herr der Dame, mal die Dame dem Herrn den aktiveren Part. Das Paar gibt sich ganz dem Rausch der ausgelassenen Musik hin.
Die Musik beim Langsamen Walzer hingegen ist romantisch, melodisch, gefühlvoll. Mit majestätischer Ruhe bewegen sich die Paare auf und ab und in den freien Raum hinein. Dabei bleiben die Füße am Boden; der Boden ist der Freund des tanzenden Paares. Die Füße haben ständig Bodenkontakt, indem sie über ihn rollen. Der Körper verliert nie die Bodenhaftung, auch wenn das Pendel hochschwingt.
Das Paar, das einen Slowfox bzw. den Slow Foxtrot (englische Bezeichnung) tanzt, gleitet elegant und gelassen durch den Raum. Es imitiert den „trottenden Fuchs“, der sich gemächlich, weich und raumgreifend vorwärts bewegt, ohne den Gang durch abrupte Unterbrechungen zu stören. Das Trotten wechselt zwischen schnellen und langsamen Schritten und lässt so Wellen entstehen, die an den gleichmäßigen Rhythmus eines Trabers erinnern.
Beim Quickstep lösen sich die Paare scheinbar von der Schwerkraft: Sie schweben leichtfüßig über das Parkett mit federnden Sprüngen und minimalem Bodenkontakt, alles wirkt beschwingt und quirlig. Die perlenden Bläschen im Champagnerglas kommen einem in den Sinn. Diese lebensfrohen Paare, die spielerisch Wellen durch den Raum jagen, verkörpern pure Lebensfreude – ein Triumph über die Erdanziehung durch elastische Leichtigkeit.
Der perfekte Dialog gelingt natürlich nur, wenn die Voraussetzungen stimmen. Unsereins muss erst einmal an Fußarbeit und Haltung feilen, bevor sich so etwas wie ein Dialog mit der Schwerkraft einstellt!

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