Nichts – außer einem hartnäckigen Mythos, demzufolge er in den Bordellen von Buenos Aires entstanden sei. Die Wahrheit ist komplexer und weit interessanter.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts formte sich in den ärmeren Vierteln von Buenos Aires jener gesellschaftliche Tanz, den wir heute als Tango kennen. Im Hafenviertel La Boca trafen Gauchos aus den weiten Pampas auf Einwanderer aus Europa und auf Menschen afrikanischer Herkunft. Aus afrikanischen Rhythmen, kreolischen Bewegungen und gemeinsamen Erfahrungen der Entwurzelung entstand ein Tanz voller Leidenschaft, Melancholie und Stolz – geboren in Hinterhöfen, Mietskasernen und einfachen Tanzlokalen eines städtischen Milieus, in dem es zwar auch Bordelle gab, die jedoch nicht seinen Ursprung bildeten.
Der starke Männerüberschuss jener Zeit führte zu einem spürbaren Mangel an Frauen. Wer ihre Nähe suchte, konnte entweder tanzen – oder bezahlen. Vor den Bordellen bildeten sich Warteschlangen. Um die wartenden Männer zu unterhalten, engagierte man Musiker. So tanzten die Männer miteinander – zunächst als Übung für den Moment, in dem sie eine echte Partnerin im Arm halten würden. Sie wollten vorbereitet sein: einfühlsam führen, Sicherheit vermitteln und sich im Wettbewerb mit zahllosen Konkurrenten behaupten. Unbeabsichtigt schufen sie so die Grundlage für einen neuen Paartanz – ein Kunstwerk aus Körper, Musik und Gefühl, das die besseren Kreise zunächst mit moralischer Empörung zurückwiesen.
Doch bald verließ der Tango die engen Viertel und begann eine erstaunliche Reise. In den 1910er-Jahren eroberte er die Salons von Paris, wo seine Mischung aus Exotik, Sinnlichkeit und Melancholie den Nerv der Moderne traf. Erst nachdem er dort Anerkennung gefunden hatte, kehrte er nach Buenos Aires zurück – und wurde nun auch von der Oberschicht akzeptiert. Reisende der oberen Klassen brachten den Tanz nach Europa, wo er zunächst als anstößig galt, bevor er gesellschaftsfähig wurde.
Wenig später erreichte die Begeisterung New York. Im Winter 1910/11 verwandelte sich der Tango dort in eine regelrechte Obsession. Das Tänzerpaar Vernon und Irene Castle brachte ihn auf die Bühnen und in die Ballrooms, während in eleganten Hotels sogenannte „Tango Teas“ Mode wurden – selbst zwischen den Gängen luxuriöser Menüs wurde getanzt. Wenn das kein Aufstieg ist: aus den Armenvierteln hinauf zur High Society!
Einen lebendigen Eindruck dieser frühen Tango‑Euphorie vermittelt dieses historische Filmdokument: Tango in New York, 1913

Danke für die sehr interessante Erläuterung zum Tango. Es grüßt aus dem Land des Flamenco, Beate
AntwortenLöschenEine gute geschichtliche Erklärung zum Tango. Das hat mir gefallen. In den Filmen habe ich jedoch keine Tangomusik herausgehört oder täusche ich mich da?
AntwortenLöschenJa, in der Tat ist es nicht wirklich ein Tango. Es ist ein Maxixe. Dazu schreibt die https://encyclopediaoftheexquisite.com/2010/04/dancing-the-maxixe/
Löschen"Between the scandalous Tango and the salacious Samba, there came the Maxixe, the early 20th century’s forgotten dance sensation. The Maxixe was just naughty enough to become popular worldwide between 1910 and 1915, but not naughty enough to be remembered." Im Film tanzen Vernon und Irene Castle, die in den 1920ern eben auch den Tango populär gemacht haben.
Eine wahrhaft interessante geschichtliche Laufbahn des Tangos. Auch Vernon und Irene Castle, von denen ich zuvor noch nie gehört hatte, haben mich sehr fasziniert. Neben der Biografie habe ich mir natürlich deren vielleicht einzig erhaltenes Video angeschaut. Hätte es damals schon die aktuellen Medien gegeben, würde Taylor Swift wohl eher mittelmäßig davon kommen?
AntwortenLöschenEtwas schade, dass die gesellschaftliche Oberschicht sich oft erst durch anerkanntes internationales Parkett oder durch Mangel an Verfügbarkeit von Schätzen des Lebens überzeugen lässt. Aber ich bin heute 'mal großzügig und gönne ihnen auch ein Tänzchen.