„Dürfte ich Ihnen noch etwas von dem … reichen?“
„Wie mundet …?“
„Oh, schmeckt ganz vorzüglich …“
Man denkt an ein vornehmes Dinner. In Wirklichkeit herrschen Krieg und Hunger. Trotz der Armseligkeit der Speisen und der Tristesse der Situation bemüht man sich um höfliche Umgangsformen und feine Tischmanieren – ein kleines Zeichen des Widerstands, um sich einen Hauch von Würde und Stolz zu bewahren.
Diese Anekdote aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs fiel mir ein, als ich las, dass in der Ukraine regelmäßig Tanztraining stattfindet (https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/ukraine-krieg-ballroom-e361556/)
Extreme Kälte, Stromausfälle, Todesgefahr, Traumata sowie seelische und körperliche Belastungen prägen dort den Alltag. Und doch wird getanzt.
„Gerade erst recht“, sagt die 68-jährige Ljudmila Samtschynska. Seit 50 Jahren führt sie Kinder und Jugendliche im Kulturpalast von Piwdennoukrajinsk, etwa 350 Kilometer südlich von Kiew, in die Kunst des Tanzsports ein.
Mit Strenge fordert sie Disziplin, Ausdauer und Haltung, duldet keine Nachlässigkeit. Nicht aus Härte, sondern weil darin Halt liegt: Selbstvertrauen, Struktur, ein Stück Zuversicht. Ein Gegengewicht zur seelischen Belastung.
Fällt der Strom aus, tanzt man im Licht von Taschenlampen und Handys. Gegen die Kälte helfen Mäntel – und Bewegung.
Piwdennoukrajinsk ist ein besonderer Ort. Hier befindet sich das größte Atomkraftwerk unter ukrainischer Kontrolle. Die dichte Luftabwehr bietet relativ guten Schutz vor Angriffen; zugleich unterstützen die Betreiber des Kraftwerks die Arbeit im Kulturpalast. So ist die Stadt zu einem Zentrum des Tanzsports geworden.
Mitten im Krieg entsteht ein Ort, an dem Menschen sich aufrichten, statt sich aufzugeben.
Tanzen wird hier mehr als Bewegung – es wird zur Haltung.
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