"Bewegt den Schwerpunkt eures Körpers im Raum. Achtet auf euer Zentrum, nicht auf die Schritte!" Das hören wir oft von unserem Trainer. Man soll Bewegung tanzen, nicht bloß Schritte ausführen. Werden Schritte isoliert gesetzt, entsteht kein Schwung; der Tanz wirkt nicht fließend, sondern gestelzt.
Erstaunlicherweise formuliert Heinrich von Kleist in seiner essayistischen Erzählung „Über das Marionettentheater“ (1810) einen Gedanken, der diesem Prinzip sehr nahekommt. Marionetten, so lässt er seinen Tänzer Herrn C. erklären, seien menschlichen Tänzern in ihrer Anmut überlegen. Der Puppenspieler lenkt den Schwerpunkt der Puppe; ihre Glieder folgen dieser Bewegung nach den Gesetzen der Mechanik. Da die Marionetten kein Bewusstsein besitzen, können sie ihre Bewegungen auch nicht absichtlich „verschönern“ oder sich zieren – und gerade darin liegt ihre Grazie. Die Marionetten berühren den Boden nur, so Kleist, um den Schwung der Glieder neu zu beleben.
Beim menschlichen Tänzer hingegen kann das Bewusstsein zum Hindernis werden. Sobald er darüber nachdenkt, wie er wirkt oder wie er sich bewegen soll, droht seine Bewegung künstlich zu werden. Wenn das Tanzpaar sich auf einzelne Schritte und Positionen konzentriert, anstatt den Schwerpunkt frei durch den Raum zu bewegen, verliert es damit gerade jene Natürlichkeit, die es erreichen möchte.
Kleist verdeutlicht diesen Gedanken an zwei Beispielen:
Ein junger Mann entdeckt zufällig, dass er die Haltung einer antiken Statue einnimmt, nämlich die des „Dornausziehers“. Als er versucht, diese Pose bewusst zu wiederholen, misslingt sie ihm – die ursprüngliche Anmut lässt sich nicht willentlich herstellen.
Ein Bär dagegen, der mit einem Degenkämpfer konfrontiert wird, reagiert mit vollkommener Sicherheit: Echte Angriffe pariert er, auf Finten reagiert er nicht. Seine Bewegungen sind unmittelbar und präzise.
Am Ende formuliert Kleist eine paradoxe Idee: Vollkommene Grazie existiert entweder in völliger Unbewusstheit – wie bei der Marionette – oder in einem unendlichen, allumfassenden Bewusstsein – wie bei Gott. Der Mensch steht zwischen diesen beiden Extremen. Für ihn gibt es kein einfaches Zurück in die Unbewusstheit. Er muss gewissermaßen durch das Bewusstsein hindurch zu einer neuen Natürlichkeit finden.
Auf den Tanz übertragen heißt das: Haltung, Technik und Fußarbeit müssen mühsam erlernt und eingeübt werden, doch sie sind nicht das Ziel. Erst wenn sie so tief verinnerlicht sind, dass sie nicht mehr bewusst gesteuert werden müssen, treten sie wieder in den Hintergrund. Dann kann die Bewegung aus dem Zentrum entstehen – und die Schritte folgen ihr. Hoffentlich …
Euer Blog ist 'mal wieder "die Wucht" und so treffend! Offenbar bringt Euch das Umsetzen dieser Erkenntnis treppchenweise immer weiter, worüber wir uns sehr freuen.
AntwortenLöschenDer erfrischend nostalgische Exkurs zu Kleist hat mir besonders gut gefallen.Offenbar ein aufmerksamer Beobachter und Analytiker seiner Zeit. Würde man doch gerne einigen sich so bemühenden Let's dance-Teilnehmern seine Schriften in die Hand drücken, die ihre Wertung nicht verstehen. Aber auch geeignet für Turnierteilnehmer, die konstant nicht gut bewertet werden, den Grund hierfür aber ausschließlich immer in den Wertungsrichtern sehen.
Vielleicht fehlt uns die Leichtigkeit und das Ungelöstsein eines Kindes.Ich denke hier an das Video eines unserer Freunde, der Salsa-tanzende Kinder beim Überqueren der Straße in Kuba gefilmt hatte. Es war einfach beeindruckend