Unsere Bewegungen – gehen, greifen, Gliedmaßen bedienen – sind zielgerichtet. Sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Materie, der Erde. Beim Aufrichten haben wir uns etwas von ihr entfernt, aber nur, um besser nach den Früchten greifen zu können und einen besseren Überblick zu haben, weil wir nach Freund oder Feind schauten. Die Erde zieht uns noch immer an; wir werden im Alter buckelig, und der Rücken tut uns öfter weh. Beim Tanzen versuchen wir, die Erdhaftung zu überwinden – kein Fliegen, sondern ein Spielen mit ihr, ein Versuch, einen Kontrapunkt zur Anziehungskraft zu finden, mit ihr in Dialog zu treten. Was unterscheidet Tänzer von anderen Menschen, die sich einfach so bewegen? Letztere haben meist nur die Absicht, bestimmte Ziele in einem bestimmten Raum in einer bestimmten Zeit zu erreichen. Der Tänzer hat kein bestimmtes Ziel im Auge; seine Bewegung ist Selbstzweck. Er macht sich zum Karussell, dreht sich, verbündet sich mit der Fliehkra...
Beim Paartanz in den Standardtänzen bewegen sich zwei Menschen idealerweise so, als wären sie ein Wesen, wenn sie wirklich gut tanzen, oder sie streben es zumindest an, so zu wirken. Kontaktstellen am Oberkörper und an der Hüfte, zum Teil auch an den Beinen vermitteln Impulse, um die Bewegungen zu steuern und die Illusion eines vierbeinigen und vierarmigen Wesens zu fördern, das Paar wird eins. Bei den Schwungtänzen - z.B. Walzer oder Quickstep - sollen sie den Schwung gemeinsam wie ein Pendel ausführen. Unser Trainer benutzt dazu gerne das Bild einer Kugel: Die Kugel muss rollen, die Schritte der beiden Tänzer müssen groß genug sein, dass die Kugel auch ins Rollen kommen kann. Und mit der Kugel sind wir auch schon bei Platon. Platon lässt in seinem Dialog "Das Gastmahl“ Aristophanes, einen der Dialogteilnehmer, eine mythologische Erklärung über die Natur des Menschen vortragen. Er erzählt, dass ursprünglich Menschen in der Form von Kugelwesen existierten, ...