Unsere Bewegungen – gehen, greifen, Gliedmaßen bedienen – sind zielgerichtet. Sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Materie, der Erde. Beim Aufrichten haben wir uns etwas von ihr entfernt, aber nur, um besser nach den Früchten greifen zu können und einen besseren Überblick zu haben, weil wir nach Freund oder Feind schauten. Die Erde zieht uns noch immer an; wir werden im Alter buckelig, und der Rücken tut uns öfter weh. Beim Tanzen versuchen wir, die Erdhaftung zu überwinden – kein Fliegen, sondern ein Spielen mit ihr, ein Versuch, einen Kontrapunkt zur Anziehungskraft zu finden, mit ihr in Dialog zu treten. Was unterscheidet Tänzer von anderen Menschen, die sich einfach so bewegen? Letztere haben meist nur die Absicht, bestimmte Ziele in einem bestimmten Raum in einer bestimmten Zeit zu erreichen. Der Tänzer hat kein bestimmtes Ziel im Auge; seine Bewegung ist Selbstzweck. Er macht sich zum Karussell, dreht sich, verbündet sich mit der Fliehkra...
Quand je danse, je danse; quand je dors, je dors. - Wenn ich tanze, tanze ich; wenn ich schlafe, schlafe ich.
Das versteht sich doch von selbst – möchte man meinen. Mit dieser scheinbar simplen Aussage möchte Montaigne, der berühmte Essayist und Philosoph, den Leser stutzig machen und so seine Aufmerksamkeit gewinnen. (Montaigne, „De l’expérience“, in: Essais, Livre III, 1588)
Als Ratgeber - heute wäre er vielleicht ein Influencer - sucht er Antworten auf die drängenden Fragen seiner Zeit, in der Pest und Religionskriege, und damit der Tod, allgegenwärtig waren. Wie kann man dennoch glücklich werden? Wie gelingt ein gutes Leben?
Manche würden sagen, man solle sich ablenken, betäuben, um der Härte des Lebens zu entkommen. Montaigne schlägt das genaue Gegenteil vor.
Auf die Länge des Lebens hat er natürlich keinen Einfluss. Deshalb setzt er bei der Tiefe des Lebens an. Statt dem Leben davonzulaufen, soll man ins Hier und Jetzt eintauchen und mit allen Sinnen bewusst leben. Wenn wir uns auf diese Weise Freiräume schaffen, verhindern wir, dass Sorgen und Probleme unser Leben beherrschen.
Warum wählt er als Beispiele gerade das Tanzen und das Schlafen ?
Schlafen steht für das passive Leben, das Loslassen. Das aktive Bewusstsein pausiert. Die Außenwelt ist ausgesperrt - im Idealfall, sonst steht es nicht gut um den Schlaf.
Tanzen dagegen verkörpert aktive, bewusste Lebendigkeit. Man muss alle Sinne beisammen haben, um Bewegungen mit Musik in Einklang zu bringen. Bewegung, Musik, Raumgefühl, Haltung, Synchronität, Ausdruck - all das will gleichzeitig bedacht werden. Das Lächeln nicht zu vergessen.
Diese intensive Präsenz erfordert Übung, Disziplin und Hingabe. Da bleibt kein Platz für düstere Gedanken an Pest und Krieg - und genau darin liegt ihre Kraft.
In der Konzentration auf die eigenen Sinne gewinnt der Moment, gewinnt das Leben Tiefe. Wer tanzt, übt Montaignes Kunst des Lebens – er ist ganz da, ganz jetzt - egal, was sonst auf der Welt passiert. Das tut gut. Nicht umsonst sagen viele Tänzer, Tanzen mache glücklich.
Oh, was ploppt da schon wieder auf? +++ Eilmeldung+++ - Eine E-Mail ist angekommen. Das Handy macht *pling*.
Nichts da! Wenn ich schreibe, schreibe ich. Vielleicht gilt Montaignes Motto ja auch für andere Beschäftigungen.
Ein sehr guter Leitfaden für's Leben! Auch wenn er mir nicht völlig unbekannt ist, so entfaltet er auf der Basis von Montaigne und im Zusammenhang mit dem Tanzen noch einmal eine ganz besondere Wirkung. Und in der Tat, es gibt dem Tanzen die ganz besondere Note und entfaltet eine Außenwirkung für den Zuschauer, wenn Paare losgelöst von der Außenwelt über die Tanzflächenä gleiten.
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